Squealer-Rocks.de DVD-Review
Johnny Cash - Johnny Cash's America

Genre: Country Rock
Review vom: 31.01.2009
Redakteur: maddin
Veröffentlichung: 23.01.2009
Label: Sony / BMG



„Wenn Amerika das Land der Gegensätze ist, dann stellt Johnny Cash den absolut typischen Bürger dieses Landes dar. Cash war Idol und Geächteter zugleich, war ein Mann Gottes und gleichzeitig die Stimme der Verdammten. Er war Patriot, Drogenabhängiger und wurde gleichermaßen von Sträflingen und Abgeordneten bewundert. Bis zu seinem Tod 2003 wurde er von jungen Punks gefeiert, von ihren Eltern und ihren Großeltern.
Er wurde von Soldaten und Anarchisten verehrt, von Konservativen wie Liberalen, von Yuppies und Rednecks.“

Besser als das Vorwort im Booklet zu diesem DVD / CD - Package kann man das Phänomen Johnny Cash wohl kaum beschreiben. Eine Erklärung jedoch, weshalb dieser Mann wie wohl kein anderer Künstler vor ihm - und nach ihm - quasi alle Bevölkerungs- und Altersschichten für sich einnehmen konnte, wird wohl niemand geben können.
So bleibt dem Zuschauer auch nach dem Anschauen der neuen Dokumentation „Johnny Cash's America“ nur die Erkenntnis, dass der Bursche aus Arkansas wohl irgendwas Magisches an sich hatte, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Der Titel des 90 – minütigen Films könnte nicht treffender sein. Er beschreibt nicht nur wie Amerika über den Country Star dachte, sondern auch wie der „Man in Black“ sein Land gesehen hat, was in einer Reise voller Widersprüche endet. Es handelt sich also nicht um eine bloße Biographie, sondern eigentlich mehr um den Versuch, eine Art Psychogramm einer höchst bizarren und von daher überaus interessanten Person zu erstellen.
Dies geschieht hauptsächlich durch Aussagen von Prominenten wie Bob Dylan, Sheryl Crow, Tim Robbins, Al Gore, John Mellencamp, Kris Kristofferson und Familienangehörigen. Sie alle kommentieren prägende Ereignisse im Leben von und mit Cash, und wenn selbst seine Kinder von einer „dunklen und hellen Seite“ ihres Vaters sprechen, kann man sich in etwa ausmalen, welche emotionalen Berg – und Talfahrten sie an der Seite dieses Mannes erlebt haben müssen.
Die „dunkle Seite“ betrifft in erster Linie Cashs Drogensucht, die er mehrmals besiegte, wobei der Begriff „mehrmals“ natürlich auch seine zahlreichen Rückfälle impliziert.
Dieses Schicksal teilt(e) er allerdings mit etlichen anderen Stars und somit ist dieser Umstand (leider) nicht weiter außergewöhnlich.

Wesentlich interessanter ist da schon Cashs Eigenschaft, sich in viele Dinge bis ins Unermessliche hinein zu steigern. Seine Affinität zu Strafgefangenen ist dabei die wohl Bekannteste. Zwar wurden ihm seine legendären „Knast - Konzerte“ nicht selten als PR - Mache angekreidet, doch viele seiner Lyrics beweisen, dass er echtes Verständnis für viele „Verlierer des Systems“ empfand. Auch ein Zeichen dafür, dass er niemals seine Herkunft verleugnete und vergaß.
Ein weiteres Beispiel ist seine Sympathie für die Native Americans, die Indianer. Nachdem er sich lange mit der Geschichte der Ureinwohner beschäftigt hatte, ging seine Solidarität so weit, dass er behauptete, selbst indianisches Blut in sich zu haben und in direkter Linie von den Cheyenne abzustammen (was, wie seine Kinder bezeugen, völliger Quatsch ist. Der Ursprung der Cash Familie liegt in Schottland).
Den größten Anteil nahm dann, nach dem ersten „clean werden“, die Religion ein. Gut, für Amerikaner – besonders für Country - Musiker - nicht unbedingt ungewöhnlich. Doch bei Cash nahm auch dies beängstigende Ausmaße an. So drehte er einen Film über Jesus in Israel, schrieb ein Buch über den Apostel Paulus und nahm das komplette Neue Testament als Hörbuch auf.
Ein weiteres großes Thema ist – passend zum Titel – Johnny Cashs widersprüchliches Verhältnis zu den U.S.A.. Er setzte sich für die Unterschicht ein, galt gar als „Führer der Arbeiter“ und lobte in seinen Songs den „Hard Working Man“. Gleichzeitig aber ließ er sich von hohen Politikern umgarnen, die ihn vor ihren Karren spannen wollten. Er war Ikone der Hippie Bewegung, sang gegen den Vietnam Krieg, ließ aber folgendes, legendäres Statement ab:
„Ich bin stolz, in einem Land zu leben, in dem man das Recht hat, die eigene Fahne zu verbrennen.
Doch wir haben auch das Recht, Waffen zu tragen.
Und wer unsere Fahne verbrennt, den erschieße ich!“

Wie dieser kleine Auszug zeigt, präsentiert der Silberling also eine Menge über den Menschen John R. Cash. Selbstredend kommt auch die musikalische Seite nicht zu kurz. Es gibt ständig – teils sehr seltene - Einspielungen von Konzerten und TV Auftritten zu sehen. Richtig schön zum Schmunzeln sind dann die Kommentare von den ehemaligen Bandmitgliedern, wenn sie über die Anfänge berichten. So war der so berühmte „Cash – Minimalismus“ („Boom Chicka Boom“) lediglich eine Notwendigkeit, weil bis auf Cash keiner der Musiker mehr als 2 Saiten auf der Gitarre spielen konnte.
Selbstredend kommt auch Rick Rubin zu Wort. Der Produzent, der Johnny Cash Mitte der 90er, als die einstige Country Legende in Las Vegas pro Abend vor weniger als 100 Leuten spielen musste, zu neuem Ruhm verholfen hat.
Seine „American Recordings“ Serie machte Cash mit einmal auch für die harte Szene interessant – auch so ein Phänomen. Denn abgesehen davon, dass der mittlerweile alte Mann Songs von Danzig und Depeche Mode coverte, blieb seine Musik immer noch Country.

Leider ist auf der beigelegten Soundtrack CD kein Song dieser Ära enthalten, was defintiv eine rechtliche Geschichte und damit verachtenswert ist, weil sie dem Cash Credo in höchstem Maße widerspricht.
Dennoch ist der Audio Silberling 'ne coole Sache, da es neben unvermeidlichen Standards auch 5 bisher unveröffentlichte Aufnahmen zu hören gibt.
Am interessantesten darunter ist die Spoken Words Performance „I Am the Nation“.
Ironischerweise wird die Macht von Johnny Cashs Stimme gerade hier überdeutlich. Die Nummer ist vergleichbar mit Richard Burtons Beitrag auf „War of the Worlds“.

Im unüberschaubaren Wust der Cash Veröffentlichungen ist „Johnny Cash's America“ ein echtes Highlight, weil es sich hier nicht um eine billige Resteverwertung handelt. Zudem stimmt das Preis / Leistung - Verhältnis.
Also schließe ich mit dem vielleicht berühmtesten Satz des größten Country Musikers aller Zeiten, einem Weirdo, einem echten Rebellen, einem Magier, einem Feldarbeiter im Anzug:
„... I shot a man in Reno, just to watch him die..“.

Tracklist:
DVD:
„Johnny Cash's America“
(90 Minutes)
Bonus (20 minutes)

CD:
1.Come Along and Ride This Train
2.Pickin' Time
3.Five Feet High and Rising
4.Big River
5.Cry, Cry, Cry
6.All Of God's Children Ain't Free
7.Big Foot
8.Don't Take Your Guns to Town
9.Folsom Prison Blues (Live)
10.Singing In Vietnam Talkin' Blues
11.What Is Truth (Live)
12.Man In Black
13.Were You There
14.Children, Go Where I Send Thee
15.Ragged Old Flag
16.Song Of the Patriot
17.This Is Your Land (Live)
18.I Am the Nation








DISCOGRAPHY:

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